Kreativität und Disziplin

Weiße flaumige Feder vor dunklem Untergrund.

Kreativität und Disziplin – klingt erst einmal nach Gegensätzen, doch zum Schreiben eines Buches, einer Geschichte oder eines Gedichtes braucht man beides. Genau daran scheitert so manches Projekt.

Meiner Meinung nach, fliegen Geschichten federleicht durch die Gegend, auf der Suche nach jemanden, der sie erzählen kann.Wenn sie meinen jemanden gefunden zu haben, docken sie sich an. Derjenige wacht denn auf oder hält plötzlich inne und denkt: ‚Wow, das ist ja mal eine Idee, das wäre was für ein Buch, eine Geschichte oder Gedicht‘, und mit Glück ist da schon eine frühere Idee, zu der die neue einen Faden spinnt. Mit anderen Worten, ein Samenkorn ist gelegt und es ist produktiv. Das ist eine schöne Phase, da jongliert man mit Möglichkeiten, überlegt was einer Person, die zum Beispiel bei IKEA einzieht, alles passieren könnte, was diese Person gerne ißt, welche positiven und negativen Eigenschaften sie hat und so weiter. Dann kommt der Moment, in dem man mit den Gedankspielereien nicht weiter kommt, es sich zu verheddern beginnt und man erkennt, nun muss Struktur in die Sache und es ist Zeit zum Schreiben. Jetzt kommt der Teil mit der Disziplin.

Schwarzes Notizheft auf dem ein schwarz weiß gemusterter Federhalter liegt und eine Feder vor buntem Hintergrund.

Es geht vom, wie John Cleese es nennt, vom offenen in den geschlossenen Modus. John Cleese hat das in einem Vortrag über Kreativität beschrieben. Er sagt dort:

Ich habe mit Menschen gearbeitet, die sehr viel kreativer waren als ich, aber weniger geschafft haben, weil sie nicht in der Lage waren vom offenen, in den geschlossenen Modus zu kommen!

So lange man in dem offenen Modus unterwegs ist, ist alles möglich, man spielt. Etwas funktioniert nicht? Kein Problem, denk ich mir etwas neues aus! Schaltet man in den geschlossenen Modus, wird es ernst. Was lose verbandelt im Wolkenkukusheim herumfliegt, soll nun verbunden werden, soll Struktur bekommen. Das ist die Schwelle an der viele stolpern. Passiert das, wird es nichts mit dem Buch, der Geschichte, dem Gedicht. Es löst sich auf und kommt in den mentalen Papierkorb. Der wiederum ist nicht zu verwechseln mit dem mentalen Komposthaufen. Manchmal hat man halt eine Idee und kommt auch recht weit damit, aber ab einem gewissen Punkt stockt es. Man denkt, das wird nichts, aber die Geschichte lässt einen nicht los und Wochen später stolpert man über ein Puzzlestück und man bekommt eine bessere Ahnung vom gesamten Bild und schreibt weiter. Das ist schwer auszuhalten.

Doch noch sind wir ja mit einem Bein im Wolkenkukusheim und mit dem anderen auf der Schwelle zum Arbeitszimmer. Das ist die Phase, in der aus den Wolkenkrakseleien, ein Projekt wird, das ich in dem Programm, mit dem ich arbeite, zur Zeit ist es Scrivener, einrichte. Es beginnt vielleicht damit, dass ich ein Exposè schreibe und eine Datenbank für die Charaktere und Orte anlege. Dann geht es los. Das schwierige ist nun, in diesem geschlossenen Modus zu bleiben. Denn da ist die Sache mit dem Alltag. In der Regel haben die lieben Mitmenschen es schwer, zu akzeptieren, dass man keine Zeit hat, wo man doch zu Hause ist und jederzeit später weiterarbeiten kann. Wer jetzt sagt: Häng doch einfach ein Bitte nicht Stören Schild auf, dem kann ich aus Erfahrung sagen, es hilft nicht! Jeder einzelne der lieben Nachbarn, Familienmitglieder oder wer sonst herumkreucht, scheint der Meinung zu sein, dass so ein Schild für alle, außer ihm gilt. So manches Mal habe ich mir schon ein Büro außerhalb meiner Wohnung gewünscht, doch da das nicht machbar ist, treffe ich Vorbereitungen wie, das Telefonausschalten, Internet entweder ganz aus, oder zumindest, Messenger und Benachrichtigungen auf lautlos. Die Türklingel wird abgestellt und für die zwei Stunden intensiven Arbeitens, kann ich mal nicht eben ein Paket für meine Nachbarn annehmen. Könnte ich ja auch nicht, wenn ich ein Büro woanders hätte. Zwei Stunden klingt nun wenig. Ich hätte auch 1000 Worte schreiben können. Gemeint ist, die Zeit, die ich mir einräume, um zu schreiben.

Nun sind wir vom ersten Funken, über das Wolkenkukusheim an den Schreibtisch gekommen, wie es weitergeht, darüber später mehr.

8 Kommentare

  1. Vielen Dank für den Beitrag. Er hilft sehr einzuschätzen, wo man steht. Ich war schon mal am Schreiben, hatte ein Ziel. Dann aber quälte mich die Frage, wozu ich das alles mache. Die Frage hat ausgebremst. Ich finde tausend Gründe, nicht weiter schreiben zu müssen oder zu können.
    Ich freue mich auf deinen nächsten Beitrag. Du schreibst ganz wunderbar, flüssig und mit guten Worten.. Das gefällt mir sehr und ich fühle mich mitgenommen.
    Liebe Grüße

    • Ach Gudrun, das freut mich, dass es dir hier gefällt. Die Frage: wozu mache ich das? ist so müssig. Wenn sie auftaucht, gleich eine Gegenfrage stellen: Warum denke ich das gerade? zum Beispiel. Die Zweifel und der Drang alles hinzuschmeissen kommt immer mal. Viel hat es damit zu tun, dass man meint, es ist nicht perfekt. Mittlerweile denke ich eher. Stimmt noch nicht ganz, kann aber alles geändert werden. Also erst einmal weiter. Alles Liebe

  2. Siri

    Hallo Karin, alles, was du da beschreibst, ist so wahr! Und wie großartig, dass du unter diesen anstrengenden Umständen schon drei (wenn ich richtig gezählt habe) Bücher ganz allein fertiggestellt hast! Für mich ist die beschissene Weltlage genauso eine Ablenkung wie die lieben Mitmenschen! Wenn ich gerade bei Lüders höre, dass es uns bald an dem Notwendigsten fehlen wird, weil die internationale Crimnocracy uns mit ihrem Kriegstheater klein kriegen will (so deute ich die Ereignisse), dann schlafe ich schlecht und kann mich immer wieder schlecht konzentrieren, obwohl ich nur noch selten intensiv in politische Themen reingehe. Mach weiter so! Alles Liebe und weiter viel Kreativität, Siri

    • Danke Siri, Neben den Büchern habe ich ja noch so einige Anthologien mit herausgeben, für die ich den Satz gemacht habe, einige Geschichten übersetzt habe und überhaupt sehr viel Spaß dabei hatte und eine weitere ist in Arbeit.
      Was das andere betrifft, also was so in dieser Welt vorgeht. So teile ich deine Befürchtungen natürlich. Aber ich erinnere mich, wenn es mich zu sehr niederdrückt an Neil Gaimans Rede: Make Good Art: https://www.youtube.com/watch?v=plWexCID-kA
      Die baut mich immer auf. Egal was passiert, es bringt nicht weiter sich niederdrücken zu lassen. Also schreibe ich, da habe ich die Kontrolle über die Welt. Alles Liebe

  3. Wunderbarer Beitrag. Mein neues Projekt befindet sich noch im offenen Modus. Die Figuren sind mittlerweile konkreter geworden und die Moral von der Geschicht hat bereits ihr Fähnchen geschwenkt. Zwei kleine Twists sollten noch in meinen Gehirnwindungen aufblitzen, dann wird es Zeit für den geschlossenen Modus.

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